MBDSH 2007
Modell Bundesrat – ein Planspiel der Oberstufe der Deutschen Schule Helsinki
Das Spiel zum Tag der Einheit
Der 3. Oktober ist an der Deutschen Schule Helsinki normaler Schultag, und doch kommen die Schülerinnen und Schüler unserer Oberstufe förmlich gekleidet. Alle sind Akteure eines Planspiels, das an diesem Tag seinen Abschluss findet: „Modell Bundesrat“. 
Das Planspiel ist 2007 zum dritten Mal durchgeführt worden. Am Anfang stand der Wunsch, dem Einheitsfeiertag 2004 an unserer Schule eine besondere Form zu geben: Ist es möglich, die gesamte Oberstufe in ein unterhaltsames, aber auch arbeits- und lehrreiches Vorhaben einzubinden, in dessen Verlauf möglichst viel aktuelles Wissen über bundesrepublikanische Wirklichkeit und die Vielfalt politischen Lebens – zumal seit der Wiedervereinigung - gesammelt und auch aktiv umgesetzt wird? Ergebnis der Überlegungen war ein Planspiel, bei dem die Schüler zu Vertretern der 16 Bundesländer im Bundesrat werden sollten. Sachthemen zu finden, Regeln aufzustellen, Räume und Technik bereitzustellen, das waren dann die nächsten Aufgaben – und: Wie entsteht genügend Interesse, Dynamik und Spannung?
Wir wollen hier das Konzept und den Ablauf darstellen und erörtern, was mit dem Spiel erreicht werden konnte, wie es von den Teilnehmern aufgenommen wurde, welche Schwierigkeiten auftraten und Anlass geben, Möglichkeiten weiterer Verbesserung zu prüfen.
Die Oberstufe der DSH und ihre SchülerDie Oberstufe umfasst die Klassen 10 bis 12 in zwei Zügen, zur Zeit 119 Schülerinnen und Schüler, 82 finnischer, 34 deutscher, österreichischer oder anderer Nationalität und Muttersprache. Die Unterrichtssprache ist nun in allen Fächern deutsch, am Ende der Oberstufe steht für alle Schüler die deutsche Reifeprüfung. Landeskundliche Inhalte bieten die Fächer Deutsch und Geschichte, ein besonderes Fach Gemeinschaftskunde/Politik wird zurzeit nicht unterrichtet (und ist auch in der Mittelstufe nicht unterrichtet worden). Grundzüge des politischen Systems der Bundesrepublik, hier besonders des Gesetzgebungsprozesses, sind den Schülern, je nach Jahrgang und Herkunft, recht unterschiedlich bekannt. Für die finnischen Schüler gibt es im eigenen Land zum deutschen Bundesrat keine Entsprechung – Finnland ist eine parlamentarische Republik mit semi-präsidentiellen Relikten aus der Zeit vor 2000 („Dreiviertelparlamentarismus“) und ein Einheitsstaat mit nur einer legislativen Kammer. Aber nicht nur die Systeme, sondern auch Politikstile („Konsensprinzip“ bei häufigen Vielparteienkoalitionen in Finnland) und Konfliktlinien unterscheiden sich typisch.
Schon wegen des Altersspektrums der Schüler muss von recht unterschiedlichem Interesse, oft wenig Vorwissen, bewussten Einstellungen oder gar Einübung in „Politik“ ausgegangen werden.
Das Konzept des PlanspielsDas Besondere des deutschen Systems, die Gliederung in Länder, die selbst Staaten sind und gewählte Regierungen haben; wie unterschiedlich die Länder sind, Nord und Süd, Stadtstaaten und Flächenländer, „alte“ und „neue“ Länder; dass Landesinteressen, aber auch „rechte“ und „linke“ Parteipolitik in die Positionen zu Sachthemen eingehen – das alles soll im Spiel einmal wahrgenommen werden. Und natürlich soll das Debattieren erprobt werden, hier einmal nicht in freier, sondern in bestimmter, ja ritualisierter Form. Erste Erfahrungen mit Debatten dieser Art können einzelne Schüler einbringen, die zuvor an anderen Planspielen teilgenommen haben (z.B. dem UN-Planspiel in Stuttgart).
Themen und Aufgabenstellung

Die Themen dieses Jahres sind das Ergebnis einer Auswahl, die die Lehrer der Fachschaften Deutsch und Geschichte getroffen haben. Es kam uns darauf an, Themen zu finden mit einiger Relevanz auch in der aktuellen öffentlichen Diskussion, die gleichermaßen deutsche und
finnische Schüler interessieren könnten und deren Komplexitätsgrad sie nicht von vornherein überfordert. Besonders nahe liegende Themen kommen systembedingt nicht in Betracht: Schulpolitik zum Beispiel ist in Deutschland Sacher der Länder und scheidet in einem Bundesratsspiel aus.
Die gewählten Themen waren in diesem Jahr:
Thema A: Nutzung der Kernenergie: Atomkraft- Ausstieg, längere Laufzeiten, Neubauten?Thema B: Konzepte der Bundesländer gegen rechte Gewalt: Wegschauen, Kleinreden oder Handeln?Thema C: Jugendschutz bei Videospielen - "Virtuelle Killerspiele": Produktion und Vertrieb dieser Spiele einschränken, verbieten oder über die Folgen aufklären?
In drei Ausschüssen (nach dem weiteren Verfahren eigentlich: drei kleinen Bundesräten), denen die Schüler ohne Rücksicht auf Klassen, Jahrgänge und Muttersprachen durch Losverfahren zugeordnet werden, sind die Themen zu behandeln. Die Aufgabe besteht darin, sich zunächst eine Position (des Bundeslandes, nicht die eigene!) zum Thema zu erarbeiten und dann daraus eine Gesetzesinitiative zu entwickeln mit dem Ziel, sie in den Bundesrat einzubringen und dort durchzusetzen. Als Leitfaden dient ein - von Lehrern und erfahreneren Schülern zusammengestelltes – Handbuch, das Aufgaben, Spielregeln, Hinweise zur Recherche und vergleichende Informationen zum „echten“ Bundesrat enthält.
Der Ablauf
Anfang September erscheinen die Organisatoren in den Klassen, die Schüler bekommen ihr Bundesland und ihr Thema zugelost. Bis zum 3. Oktober besteht damit ein Zeitrahmen von einem Monat. Bis Mitte September wird recherchiert; Positionen der Landesregierungen, der Regierungsparteien werden ermittelt, die Presse verfolgt, mit Mitschülern und beratenden Lehrern diskutiert; dann verfassen die Schülergruppen als Vertreter eines Bundeslandes zu ihrem Thema ein gemeinsames Positionspapier und veröffentlichen es im Intranet der Schule und per Aushang.
In der zweiten Phase beginnen die Schüler, auf der Grundlage ihrer Positionspapiere Gesetzesvorlagen zu formulieren. Ein schwieriges Vorhaben: Form und Sprachduktus von Gesetzen sind nachzuahmen, Vorschrift von Begründung zu trennen, die Vorlage so zu gliedern, dass darüber später auch verhandelt und abgestimmt werden kann – insgesamt eine Art der Textproduktion, für die das Handbuch Anleitungen und Beispiele und die beteiligten Lehrer Hinweise geben, die aber die Schüler selbst bisher nicht geübt und zu denen sie Vorbilder allenfalls gelegentlich, etwa als Geschichtsquellen, gesehen haben.
Je drei Schüler (bzw. sind natürlich auch ehemalige Schüler gern gesehene Präsidenten) eines Ausschusses wirken als Präsidium, sie werden am 3. Oktober die Sitzungen leiten. Sie machen sich in der zweiten Phase mit ihrer Rolle vertraut, verinnerlichen Debattenform und –stil und bereiten ihre Eröffnungsrede vor.
Der Höhepunkt: Tagung des Bundesrates am Einheitsfeiertag

Die Sitzungen des Bundesrates beginnen mit einer feierlichen Eröffnung für alle Mitglieder durch den Direktor (als
eine Art „Alterspräsident“ des Bundesrates) in der Aula. Zwei Arbeitsphasen in den drei Ausschüssen von 9 bis 12 und von 13 bis 14 Uhr, in denen die Gesetzesvorlagen diskutiert, mit Vorlagen anderer vereinigt, durchgesetzt oder zurückgezogen und schließlich abgestimmt werden, folgen der Eröffnung. Hier ist ein mehrfacher Wechsel der Form vorgesehen: Phasen förmlicher Debatte im Plenum (hier muss grundsätzlich vom Rednerpult aus gesprochen werden) folgen Sitzungspausen mit freier Verhandlung zum Abändern von Vorlagen und Schmieden von Bündnissen zur Erzielung der Mehrheit, dann wieder der förmlichen Beratung mit Abstimmung. Schließlich werden fertige Vorlagen an die Bundesregierung weitergeleitet, repräsentiert durch die beteiligten Lehrer. Sie haben während des Spiels die Sitzungen beobachtet, haben (wie die „echte“ Bundesregierung) auch in die Debatte eingreifen können, davon aber möglichst zurückhaltend Gebrauch gemacht.
Eine etwas hektische Endphase beendet den Tag. Die Zeit drängt, die Vorlagen müssen fertig werden. Es gelingt schließlich allen, zu einem Ergebnis zu kommen, das während einer gemeinsamen Abschlussveranstaltung in der Aula vorgestellt wird.
Handbuch Planspiel Bundesrat 2007.doc